Gleich loslegen, oder zuerst Mundharmonika einspielen?

Wenn du eine neue Mundharmonika gekauft hast, möchtest du am liebsten gleich loslegen. Aber manche warnen, dass dadurch die Mundharmonika kaputt geht. Wie kannst du die Langlebigkeit deiner Harp sicherstellen?

mundharmonika einspielen daumen hoch

Die Empfehlung: Einspielen!

Seit vielen Jahren wird empfohlen, zur Steigerung der Haltbarkeit die Mundharmonika am Anfang einzuspielen. Aber so richtig klar ist nicht, was damit gemeint ist.

Auch ein Blick in die Bedienungsanleitung, die meist als Fresszettel der Mundharmonika beiliegt, gibt dir einen entsprechenden Hinweis. Denn dort ist die Rede vom sachten Einspielen des Instruments.

Diese Empfehlung führt zu einigen komischen Begleiterscheinungen. Manche Spieler spielen die ersten Monate nur ganz sanft auf der Mundharmonika, damit sie länger hält. Andere halten die Mundharmonika sogar beim Autofahren aus dem Fenster, damit sie sich „sanft einschwingen“ kann. Auch wird schon mal empfohlen, einen Fön, der auf Kaltluft gestellt wird, mit der untersten Stufe zum „Anblasen“ zu verwenden.

Andere „Experten“ empfehlen dagegen die harte Methode. In Youtube-Videos werden die skurrilsten Blasübungen empfohlen, die sich angeblich bewährt haben sollen. Dabei wird das Instrument im Stakkato für mehrere Minuten richtig hart rangenommen. Dazu kommen harte Bends das es kracht. Mit roher Gewalt soll die Harp so richtig „einschwingen“.

Jeder hat also seine eigene Methode, auf die er schwört. Und leider wird dabei auch noch das Gegenteil empfohlen. Aber wenn jeder seine „todsichere“ Methode hat, dann stellt sich doch die Frage, ob das Einspielen überhaupt etwas bringt.

Macht das Einspielen der Mundharmonika überhaupt Sinn?

Ums kurz zu sagen: Das Einspielen an sich ist unter den Mundharmonikaspielern umstritten. Einige schwören darauf. Und viele Profis sagen, es ist Blödsinn.

Ein Argument für das Einspielen ist, dass es sich bei der Stimmzunge, wie bei einem Motor, um bewegliche Teile handelt. Und bei einem Auto soll man ja auch zuerst sachte fahren, damit sich alle Teile einschwingen können.

Das Problem an diesem Argument ist allerdings, dass ein Auto aus hunderten Teilen besteht. Bei der diatonischen Mundharmonika hingegen gibt es nur die Stimmzunge, die sich bewegt. Und diese reibt sich im Normalfall nirgends, sonst würde ja gar kein Ton entstehen.

Bei der chromatischen Mundharmonika ist dies freilich anders. Denn hier gibt es neben den Stimmzungen und den Ventilen noch die Schiebermechanik. Und dort ist es durchaus sinnvoll, zuerst behutsam darauf zu spielen.

Sinn macht es auch definitiv, die Mundharmonika nicht volle Pulle zu spielen. Denn das harte Spielen belastet tatsächlich die Stimmzungen. Bei zu starkem Luftdruck können die Stimmzungen durch die ruckartige Bewegung im Extremfall sogar abbrechen.

Denn die Stimmzunge ist ein Federpendel und durch die Bewegung wird das Material der Stimmzungen beansprucht. Bei starkem Druck und vielen Wiederholungen, gerät jedes Material irgendwann einmal an seine Belastungsgrenze. Die Folge ist schneller Verschleiß.

Von James Cotton, einem der besten Blues-Harp Spieler, wird erzählt, dass er regelmäßig die Stimmzungen seiner Mundharmonikas heraus blies. Es ist also glasklar, dass das Spielen in voller Lautstärke die Lebensdauer der Harp verkürzt.

Faktencheck: Was passiert beim Einspielen der Harp?

Aber nur, weil ein starkes Spielen die Lebensdauer der Mundharmonika verkürzt, ist nicht gesagt, dass sich umgekehrt durch ein softes Einspielen die Haltbarkeit verlängert.

Denn was genau soll sich durch das Einspielen verändern? Da eine diatonische Mundharmonika wie bereits erwähnt, keine reibenden Teile hat, gibt es da nichts, was sich einschwingen könnte.

Gelegentlich wird auch behauptet, die Stimmzunge würde durch die Vorbereitung beim Einspielen flexibler. Und deswegen ließe sich die Harp dann besser spielen. Aber wie soll das funktionieren? Denn dazu müsste sich das Material der Stimmzunge grundlegend verändern. Zum Beispiel, indem die Stimmzunge dünner wird. Das ist aber nicht der Fall.

 

ineinander greifende zahnraeder aus metall

Aus der Trickkiste der Metallverarbeitung

Es gibt in der Metallverarbeitung allerdings durchaus einen Prozess, bei dem die Langlebigkeit von bestimmten Metallen durch eine Art Einschwingen erreicht wird. Dabei wird ein Metallstück durch Schwingungen mit langsam und kontinuierlich ansteigender Stärke vorbereitet.

Es lässt sich dabei eine höhere Lebensdauer erreichen. Dies geschieht dadurch, dass sich Metall-Atome im Kristallgitter verschieben und Stellen mit Lücken aufgefüllt werden, bei denen es sonst zum Bruch gekommen wäre.

Allerdings sind dazu mehr als 10 Millionen Schwingungsvorgänge notwendig. Das entspricht bei der Mundharmonika dann mehr als sechseinhalb Stunden andauernder Spielzeit mit ständig ansteigendem Luftdruck.

In der Realität müsste jemand also mindestens eine Woche lang jeden Tag eine Stunde pro Stimmzunge blasen oder ziehen. Bei 20 Stimmzungen wären das schon 20 Wochen, oder 5 Monate! Das ist erheblich mehr Zeit als die gemeinhin empfohlene „sanfte Woche“ Einspielzeit.

Ein weiterer Haken ist dabei, dass dieses Verfahren nur bei Eisen-Metallen funktioniert. Bei Messing und auch bei Edelstahl mit einer höheren Beimischung anderer Metalle, tritt der Effekt nicht zu Tage.

Also mit anderen Worten: das Einspielen könnte höchstens bei Stimmzungen aus Edelstahl einen Effekt haben. Aber bei Messingstimmzungen ist da schon Skepsis angesagt.

Nagelneu oder eingespielt?

Ein anderer zu beachtender Punkt ist aber, dass es sehr wohl Unterschiede zwischen einer neuen Mundharmonika und einer bereits einige Zeit gespielten Harp gibt. Das wird jeder bestätigen, der bereits etwas Erfahrung hat.

Wenn diese Unterschiede aber schon nicht auf die Veränderung des Metalls zurückzuführen sind, dann gibt es sehr wohl noch andere Erklärungen dafür. Zum einen ist es ja so, dass unsere Atemluft nie ganz rein ist. Mit ihr blasen wir immer etwas Speichel in die Mundharmonika.

Dieser Dampf hat zwei Auswirkungen. Erstens lagert sich der Speichel in den Ritzen der Mundharmonika ab. Dadurch wird die Harp also abgedichtet. Und zweitens dehnt sich der Kanzellenkörper – zumindest bei einer Mundharmonika aus Holz – aus. Auch dadurch verändert sich die Spielbarkeit und das Instrument wird dichter. Ein abgedichtetes Instrument ist natürlich besser spielbar.

Andererseits kommt beim Einspielen ein psychologischer Effekt zum Tragen. Denn jede Mundharmonika ist ein wenig anders zu spielen. Und dadurch, dass man mehrere Tage darauf spielt, gewöhnt sich der Spieler schlicht und einfach an die neue Mundharmonika.

harp einspielen so gehts wehende tücher

Einspielen der Mundharmonika: So geht das

Zum Einspielen der neuen Mundharmonika wird empfohlen, diese zunächst etwas zu schonen. Das Anspielen erfolgt dabei in den folgenden Schritten.

  1. Nimm deine Mundharmonika in die Hand und wärme sie zunächst ein paar Minuten an.
  2. Hauche ganz zart in die Mundharmonika hinein, damit sich die Stimmzungen anwärmen.
  3. Jetzt bläst du – ganz vorsichtig – in die Mundharmonika. Und zwar so, dass drei Kanäle gleichzeitig erklingen. Dabei startest du bei den tiefsten Tönen und wanderst langsam zu den höheren Tönen hinauf. Das machst du ein paar Minuten.
  4. Als nächstes ziehst du – wieder ganz sachte – an den Kanälen der Mundharmonika. Jetzt erklingen also drei Ziehtöne gleichzeitig. Wieder beginnst du mit den tiefen Tönen und arbeitest dich langsam zu den hohen Tönen hinauf.
  5. Danach spielst du die Töne einzeln. Achte darauf, dass du hier auch nur ganz leicht ziehst oder bläst. Das machst du auch von den tiefen zu den hohen Tönen und zurück.

Diese Prozedur dauert einige Minuten. Oft wird empfohlen, es in den ersten Tagen durchzuführen, bevor du spielst. Auch auf Bending und Overblows ist zu verzichten.

It's the Indian, not the arrow

Ich habe Anfangs keine meiner Mundharmonikas eingespielt. Als Einsteiger war ich viel zu ungeduldig und wollte gleich loslegen. Meine ersten Harps haben irgendwann den Geist aufgegeben.

Andere Mundharmonikas, die ich damals kaufte, spielen sich auch heute noch hervorragend. Dabei habe ich auch diese niemals eingespielt. Was war der Unterschied?

Naja, als Einsteiger habe ich die Mundharmonikas am Anfang ganz schön malträtiert. Am schlimmsten war es, als ich dabei war, das Bending zu lernen. Dabei verstimmten sich einzelne Stimmzungen. Deswegen wurden die Harps dann auch entsorgt.

schillernde pfeile

Bei den anderen Mundharmonikas hatte ich bereits die korrekte Spielweise erlernt. Und wenn ich heute eine neue Harp kaufe, dann hält diese bei mir auch ewig, obwohl ich sie viele Stunden spiele. Und das ganz ohne Einspielen.

Der entscheidende Faktor hinsichtlich der Langlebigkeit der Mundharmonika ist also gar nicht das Einspielen.

Und tatsächlich, wenn man sich mal die „Fragen & Antworten“ auf den Hersteller-Websites genau durchliest, dann steht genau das auch dort. Die Empfehlung mit dem Einspielen ist nämlich für Anfänger gedacht.

Denn Einsteiger neigen nämlich (so wie ich damals) dazu, viel zu kräftig auf der Mundharmonika zu spielen. Dadurch kann die Mundharmonika tatsächlich Schaden nehmen. Durch den Hinweis möchten die Hersteller von Mundharmonikas also bewirken, dass sich der Einsteiger erst Mal Sachte mit dem Instrument vertraut macht und die korrekte Spielweise erlernt.

Übrigens, wenn deine Harp Probleme macht, weil einzelne Töne klemmen oder schlecht spielbar sind, dann liegt die Ursache woanders. Das kann auch mit dem Einspielen nicht verbessert werden, obwohl das manche „Experten“ behaupten.

Meistens liegt die Ursache nämlich nicht am Instrument. Ganz selten kann es aber einmal vorkommen, dass die Mundharmonika ab Werk schlecht eingestellt ist. Hier muss jemand fachkundiges eventuell die Lösabstände der Stimmzungen einstellen.

In den meisten Fällen aber, liegt es am Spieler selbst, wenn die Mundharmonika sich nicht richtig spielen lässt. Dazu habe ich erst vor Kurzem den Artikel „Hilfe, mein Ton klemmt! Mundharmonika kaputt?“ geschrieben.

Fazit

Oft wird empfohlen, die Mundharmonika vor dem Spielen einzuspielen um ihre Langlebigkeit zu erhöhen. Diese Empfehlung treibt sonderliche Blüten, denn viele Leute stellen mit ihrer Harp die komischsten Dinge an, um diese einzuspielen.

Dabei ist es umstritten, ob das Einspielen überhaupt etwas bringt. Welche genauen Mechanismen die Lebensdauer der Mundharmonika erhöhen sollen, ist unklar. Ein Blick in die Trickkiste der Ingenieure zeigt, dass es durchaus Effekte gibt, die dem Einspielen ähnlich sind. Allerdings sind dafür aufwendige Verfahren notwendig. Und bei den für die Stimmzungen der Mundharmonika verwendeten Materialien ist der Erfolg durchaus zweifelhaft.

Bei der diatonischen Mundharmonika ist das Einspielen deswegen wahrscheinlich nicht so effektiv. Im Gegensatz dazu sollte eine chromatische Mundharmonika sehr wohl behutsam eingespielt werden.

Viel mehr Einfluss hat das Einspielen auf den Spieler. Denn die Spielweise hat mehr Einfluss auf die Lebensdauer der Mundharmonika als das Einspielen. Es empfiehlt sich darum, zuerst die richtige Spielweise zu erlernen.

 

Let the good times roll – Mark

Hat dir dieser Artikel weitergeholfen? Teile ihn auf Facebook!

Verwandte Beiträge

Mundharmonika Tonleiter

Wie du auf deiner Mundharmonika eine Tonleiter in C-Dur spielst

Du hast bereits gelernt Einzeltöne zu spielen. Aber du weißt ja noch gar nicht, wo die ganzen Töne liegen. Dazu erfährst du in diesem Artikel, wie du eine Tonleiter auf der Mundharmonika spielst.

12.08.2017 | Weiterlesen

Mundharmonika Einzeltöne treffen

So spielst du auf der Mundharmonika Einzeltöne

Du hast dir eine Mundharmonika besorgt und weißt jetzt, wie du sie richtig in der Hand hältst. Bestimmt hast du bereits mit ihr experimentiert und ihr ein paar Töne entlockt, dabei aber immer mehrere Töne gleichzeitig gespielt. Jetzt fragst du dich: „Wie schaffe ich es, einzelne Töne zu treffen?“

22.07.2017 | Weiterlesen

Mundharmonika in Hand gehalten

Die Mundharmonika halten - wie mache ich das richtig?

Der erste Schritt zum Mundharmonika spielen ist, die Mundharmonika zu halten. Von der Haltung hängt auch dein Sound ab. In diesem Artikel erfährst du, wie du die Mundharmonika von Anfang an richtig hältst.

01.07.2017 | Weiterlesen

Empfohlene Beiträge

Mundharmonika Hänschen klein Anfänger klingen

Warum du immer noch wie „Hänschen klein“ klingst

Pflege und Erhaltung der Mundharmonika

Pflege und Erhaltung deiner Mundharmonika

mundharmonika top 5 chrom

5 Meister der Chromatischen Mundharmonika, die du kennen musst

Mundharmonika Alle meine Entchen

Alle meine Entchen: Sofort mit der Mundharmonika spielen