Im Test: Hohner Special 20

Die Special 20 ist eine der am meisten gespielten diatonischen Mundharmonikas aus dem Hause Hohner. Wie ihr Name schon sagt, ist sie tatsächlich etwas ganz Spezielles. Denn sie war das erste Harp-Modell von Hohner mit einem Kunststoff-Körper.

mundharmonika special 20 test hohner

Auf einen Blick

Modell

Special 20 Progressive

Hersteller

Hohner

Mundharmonika-Art

Diatonische Mundharmonika, 10 Kanäle

Spieler-Level

Alle

Geeignet für Musikrichtungen

Rock, Blues, Country, Jazz

Preis

30€

Hintergrund

Eingeführt wurde das Modell im Jahr 1974. Damals wurde sie noch als „Marine Band Special 20“ bezeichnet. Der ursprüngliche Name sollte sie zudem wahrscheinlich als Nachfolger der allseits beliebten Hohner Marine Band empfehlen.

Seit ihrer Markteinführung wurde die Special 20 bis 2014 unverändert verkauft. Dann erfolgte eine Neueinteilung der Mundharmonikas von Hohner in fünf Produktserien. Aufgrund dieser Änderung heißt sie seitdem „Special 20 Progressive“. Die vor 2014 hergestellten Produkte werden noch mit dem Zusatz „Classic“ abverkauft.

Mit der Einführung der Progressive-Serie erfolgten nur kleinere Änderungen an der Special 20. Am Offensichtlichsten sind dabei die neu gestalteten Deckel. Im Inneren der Harp hat sich fast nichts geändert. Denn die Stimmplatten der Special 20 bilden ab sofort die Grundlage für alle anderen Instrumente der Progressive-Serie. Deswegen wurden für das Modell „Rocket Progressive“ noch weitere Bohrungen ergänzt. Klanglich bleibt aber alles beim Alten.

Laut Herstellerangabe ist die Special 20 „Made in Germany“.

Mundharmonika Special 20 Hohner Koffer

Die Hohner Special 20 ist wahrscheinlich die am meisten kopierte Mundharmonika der Welt. Sie wird besonders von asiatischen Billig-Herstellern sehr oft nachgebaut. Diese erreichen jedoch bei Weitem nicht die Qualität oder den Klang des Originals. Mittlerweile gibt es auch von den anderen Herstellern vergleichbare Modelle. Auch die Lee Oskar Harmonica ist ein offensichtlicher Klon. Und selbst von Hohner gibt es in der Enthusiast-Serie kostengünstigere, aber natürlich auch nicht so leistungsfähige Kopien des Originals.

Ausstattung – Überblick

Die Special 20 ist eine diatonische Mundharmonika mit 20 Stimmzungen aus Messing, die nach der Richterstimmung gestimmt sind. Daher stammt womöglich die „20“ in ihrem Namen. Auch die Stimmplatten bestehen aus Messing und haben eine Stärke von 0,9 Millimeter. Die Stimmplatten sind mit 5 Schrauben fixiert. Das ist schon ordentlich im Vergleich zu vielen anderen Modellen.

Die Harp ist 10 cm lang, 2,8 cm breit und damit insgesamt etwas kleiner als andere diatonische Mundharmonikas.

Hervorzuheben ist der Kanzellenkörper aus Kunststoff (ABS). Er hat wie bei jeder Richter-Harp 10 Kanäle. Die Deckel bestehen aus Edelstahl. Sie haben keine seitliche Öffnung. Zusammengesetzt hat die Special 20 also nur eine Öffnung nach hinten. Diese ist im Vergleich zur Marine Band schmaler. Dadurch ist sie beim akustischen Spiel für den Spieler einen Hauch leiser. Über Mikro gespielt macht dies keinen Unterschied.

Die Special 20 wird von Spielern mit jedem Niveau geschätzt. Für Anfänger ist sie schon seit Jahren der Geheimtipp. Und bei Fortgeschrittenen und Profis ist sie das zuverlässige Arbeitspferd. Anzutreffen ist sie deswegen in allen populären Musikrichtungen – Blues, Rock, Country, Jazz und vielen mehr.

Besonderheiten

Wie schon erwähnt ist der Kunststoffkörper der Special 20 das Besondere dieses Modells. Denn bei diesem sind die Stimmplatten komplett in den Kanzellenkörper eingelassen. Das hat gleich mehrere Vorteile.

Erstens sind die Stimmplatten vom abgerundeten Kunststoff bedeckt. Dadurch scheuern sie auch nicht mehr auf den Lippen. Deine Lippen danken es dir. Zusätzlich verringert sich der Widerstand – die Harp flutscht also besser und lässt sich angenehmer spielen.

Zweitens: der Kunststoff beseitigt darüber hinaus noch einige mit Holz verbundene Probleme. Denn das Holz ist nie komplett eben. Und durch die feuchte Atemluft beginnt der „Holzkamm“ beim Spielen anzuschwellen. Beides vermeidet die Special 20, denn durch den Kunststoff bleiben die Toleranzen auch nach längeren Sessions gering. Im Endergebnis ist die Special 20 sehr luftdicht.

Genau deswegen wird sie von vielen Rock-Spielern bevorzugt, die gerne auf den Holz-Körper der Marine Band verzichten und stattdessen ein verlässliches Zugpferd am Start haben.

Unboxing

Der Lieferumfang der Mundharmonika besteht aus:

  • einer Special 20 Mundharmonika
  • einer Schutzhülle in grau
  • und einem schicken Karton

Praxis-Test

1 Erster Eindruck

Die getestete Mundharmonika habe ich fabrikneu ausgepackt. Ein weiteres Modell war bei mir in den letzten zwei Jahren im Dauereinsatz. Beide sind in der Tonart C-Dur gestimmt.

Mundharmonika Special 20 Hohner Karton Unboxing

Schon das Etui ist besser, als man es allgemein gewohnt ist. Das macht gespannt. Denn schließlich ist die Special 20 für ihre konsistente Qualität und einfache Spielbarkeit bekannt. Ob sich das im Test auch bestätigen lässt?

Die generelle Verarbeitung ist tadellos. Alle Grate des Kanzellenkörpers sind abgerundet. Dadurch liegt sie angenehm in der Hand. Auch beim Spielen ist die Special 20 angenehm lippenschonend und kaum zu spüren. Mit ihr hat man ein angenehmes Spielgefühl. Auch nach längerem Spielen wird der Mund nicht wund.

An den Außenseiten jenseits der Kanäle 1 und 10 stören allerdings die scharfkantigen Ränder der Deckel. Kommst du an diese, dann wird die Oberlippe schon einmal angekratzt. Bei anderen Mundharmonikas, wie z.B. der Lee Oskar, ist das besser gelöst.

Auch im Innern der Special 20 ist alles sehr sauber verarbeitet. Insgesamt ist die Qualität der Special 20 sehr gut.

2 Ansprache

Schon direkt ab Werk ist die Spielbarkeit der Special 20 gut eingestellt. Alle Töne sprechen auch bei geringer Lautstärke ähnlich früh an, wie bei meiner Marine Band oder Lee Oskar. Der benötigte Luftdruck ist auf der gesamten Mundharmonika in etwa gleich.

Allerdings habe ich bei meinem Modell ein paar Schwierigkeiten:

  • Bei längeren Stücken geht mir schneller die Puste aus, als gewohnt. Was mir Rätsel aufgibt, denn gerade die Special 20 soll durch ihre Luftdichtigkeit glänzen.

  • Normalerweise ist die Special 20 wegen der Luftdichtigkeit als sehr gut bendbar bekannt. Deswegen ist sie auch immer eine Empfehlung wert. Bei den Bends in Kanal 2 will es allerdings nicht so recht klappen. Hier ist der Ganzton-Bend schwierig zu halten. Auch im dritten Kanal ist es schwierig, aber machbar. Die Blaston-Bends funktionieren dafür tadellos. In Kanal 10 wird es etwas heikel, aber das ist ja nichts Neues.

  • Und in Kanal 7 spricht der Ziehton nicht so gut an.

Woran kann das liegen? Nach dem Aufschrauben und der Besichtigung der Stimmzungen ergibt sich mir ein erstes Bild.

Bei der von mir getesteten Special 20 sind nämlich die Lösabstände der Stimmzungen von der Stimmplatte alle etwa doppelt so hoch, wie sie sein sollen. Besonders die Problemkanäle haben einen viel zu weiten Spalt.

Etwas Nachforschung ergibt schließlich, dass dies seit der Einführung der Progressive Serie auch bei vielen anderen der Fall ist. Ich nehme daher an, dass dies kein Zufall ist. Die Stimmplatten sind schließlich die Grundlage für alle Mundharmonikas dieser Reihe. Und bei diesen steht das lautstarke Spiel im Vordergrund. Und gerade dafür eignet sich ein weiterer Lösabstand am besten.

Also lege ich Hand an. Und siehe da: Nach dem Einstellen der Stimmzungen und Nachstimmen war alles perfekt. Nein besser, denn ich hatte noch nie so eine gute Harp. Meine Special 20 spricht jetzt exakt und direkt an. Sie reagiert sehr genau auch auf kleinste Nuancen. Das Bending klappt weich wie Butter. Auch Overblows springen sofort an und bleiben stabil.

Mundharmonika Special 20 Hohner Schutzhuelle

Um zu sehen, ob dies ein Einzelfall war, habe ich mir eine zweite Special 20 gekauft. Auch bei dieser waren die Lösabstände zu groß. Das Bending klappt aber überall wie erwartet. Der Ziehton in Kanal 1 ließ sich nur mit etwas stärkerem Luftdruck spielen. Dabei fiel mir auf, dass dieser Ton scheppert. Das heißt, die Stimmzunge streift am Kanal, was auch der Grund für die schlechte Ansprache ist. Dies wurde vielleicht durch den Transport verursacht.

Dass man an Mundharmonikas im Werkszustand Hand anlegen muss, ist jedem fortgeschrittenen Spieler gut bekannt. Allerdings habe ich den Eindruck, dass die Qualitätskontrolle bei meinen getesteten Instrumenten etwas verbesserungswürdig ist.

3 Sound

Im Gegensatz zu vielen Berichten über dieses Modell, empfinde ich die Lautstärke als besser, als bei vielen anderen Mundharmonikas. Nebengeräusche treten zu keiner Zeit auf. Akustisch kann die Special 20 mit einer Marine Band durchaus mithalten. Das liegt wahrscheinlich an ihrer Luftdichtigkeit. Diese verleiht ihr auch eine sehr gute Dynamik. Schon bei wenig Luft springen die Stimmzungen an und auch bei lautstarkem Spiel bleibt sie angenehm exakt und kontrolliert.

Ich empfinde den Ton der Special 20 als sehr klar und direkt. Zwar soll durch die relativ kleine Öffnung hinten der Ton etwas in den Höhen gedämpft werden. Sehr stark ist dieser Effekt allerdings nicht. Vielleicht ist die Dämpfung ja etwas gutes, denn der Sound ist selbst in der obersten Oktave stets angenehm und niemals schrill. Auch bei Bends und Overblows färbt sich der Ton nur wenig.

Der Klang der Akkorde ist sehr von der verwendeten Stimmung abhängig. Für meinen Geschmack klingt der C-Akkord der untersten Oktave zu rau. Alle anderen sind in Ordnung. Die Oktaven sind größtenteils sauber gestimmt, haben aber schon Tremolo-Schwebungen.


4 Stimmgenauigkeit

Die Special 20 ist nach der traditionellen Richterstimmung gestimmt. Dabei wird, wie heute üblich, ein Kompromiss zwischen der gleichstufigen und der natürlichen Stimmung gemacht.

Messwerte Abweichung in Cent vom gleichstufigen Temperament mit 445 Hz als Referenz:

Kanal

1

2

3

4

5

6

7

8

9

10

blasen

1

-12

-3

-2

-10

0

-1

-12

-2

-1

ziehen

+10

+3

-9

+1

-10

+4

-9

-9

-7

+4

Die Abweichung der Töne ist auf dem normalen Niveau aller Hersteller und liegt auch im Schwankungsbereich der Messmethodik. Sie passt zur gewählten Stimmung, so dass alles in Ordnung ist.

Die Oktavreinheit ist gut. Auch die Stimmung ist mit dem Referenzton 445Hz eher etwas zu hoch, was sich aber beim lauten Spiel physikalisch bedingt wieder senkt. Offensichtlich ist die Special 20 für das lautstarke Spielen ausgelegt.

Insgesamt blieb die Stimmung nach längerem Spielen stabil. Nach einem besonders intensiven Monat musste ich allerdings nachstimmen. Das kann aber auch daran liegen, dass ich die Harp durch die Einstellung der Lösabstände strapaziert habe.

5 Wartung und Reinigung

Die Wartbarkeit der Special 20 ist sehr gut. Denn sie ist komplett verschraubt. Dadurch kann sie komplett auseinandergenommen und dann wieder ohne Probleme zusammengesetzt werden. Einziges Manko ist die Mutter des Deckels – der ist nämlich etwas fitzelig anzubringen. Das ist aber verschmerzbar.

Auch bei der Reinigung glänzt das Modell. Am Kunststoffkörper bleibt sowieso wenig an Verunreinigungen hängen. Das Putzen fällt dadurch sehr leicht. Man kann die Harp sogar, wenn man sie nicht immer auseinanderbauen möchte, mit Wasser durchspülen. Das hat im Dauertest keine Schäden hinterlassen.

Pro & Contra

Pro – Was gefällt

  • Schöner ausgewogener Klang
  • Sehr angenehmes Spielgefühl auch bei längerem Einsatz
  • Unempfindlich und pflegeleicht
  • Sehr luftdicht
  • Reagiert exakt auf die Spielweise

Contra – Was ist verbesserungswürdig

  • Lösabstände ab Werk zu groß

Fazit

Die Hohner Special 20 könnte die ideale Mundharmonika sein. Zumindest für alle, die Kunststoff-Kanzellen bevorzugen. Sie klingt gut, hat hervorragende Spieleigenschaften, ist sehr geschmeidig zu spielen und lässt sich sehr einfach reinigen. Der Preis dafür ist sehr angemessen.

Die Special 20 ist nach wie vor eine Empfehlung für Anfänger. Denn gerade die Schonung der Lippen und ihre sehr gute Bendbarkeit sind ideal für das Lernen. Da Anfänger in der Regel eh zu stark pusten, stört es auch nicht, dass die Lösabstände etwas zu weit sind. Auch der Fortgeschrittene Spieler greift gerne zu diesem Modell und wird eh selbst Hand anlegen um sie auf seine Bedürfnisse zu tunen.

Insgesamt gefällt mir die Special 20 eigentlich sehr gut. Sie hat das Zeug meine neue Standardharp zu werden. Der Wermutstropfen bleibt, dass beide getesteten Special 20 vom Werk aus nur passabel eingestellt waren. Deswegen gibt es jeweils einen Stern Abzug.

 

Bewertung: (gut)

Preis-Leistungsverhältnis: (gut)

Preis: 30 Euro

 

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Let the good times roll – Mark

 

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30.01.2017 | Weiterlesen